"Low Budget - High End" und Musik

Plattenspielervergleich Teil 1 – Moderner Brettspieler vs. 70er Direct Drive

 

Nun möchte ich ein Thema behandeln, das ich schon länger am Herzen liegt. Es ist ein Plattenspielervergleich. Es werden in Teil 1 hier zwar zwei bestimmte Plattenspieler ausgewählt. Aber diese beiden stehen sowohl für bestimmte Typen von Spielern als auch aus unterschiedlichen Zeiten. Der eine ist ein recht moderner riemengetriebener Brettspieler mit Namen Pro-Ject 1xpression  III  (ähnlich dem Pro-Ject Debut Carbon mit Acryl teller (Amazon: https://amzn.to/2OtZBIY)),den ich von einem hifibegeisterten Bekannten als Dauerleihgabe bekam, wofür ich sehr dankbar bin, weil diese Tatasache den Vergleich ermöglicht. Und der andere meine alte Koryphäe, der alte 70er Jahre Direct Drive Toshiba/Aurex SR-255. Letzterer ist auch mein Testplayer für meine Reviews. Er wurde von seinem Vorbesitzer aufbereitet, neu verkabelt und in eine schicke weiße Holzzarge gehüllt.

Warum dieser Plattenspielervergleich?

Sehr häufig treffe ich beim Lesen in Foren oder in Facebook-Gruppen zum Thema Plattenspieler auf Diskussionen, die sich darum drehen, welche Plattenspieler denn nun die besseren sind. Meistens hat einer ein Budget, möchte sich dafür einen Turntable kaufen und fragt die anderen in der Gruppe oder Forum, was sie empfehlen würden. Innerhalb kürzester Zeit entsteht schon so etwas wie ein Streit.

Das eine Lager empfiehlt einen neuen von Rega oder Projekt mit Argumenten wie „Die Entwicklung ist auch bei Plattenspielern nach vorne gegangen“. Und natürlich das „Garantie“ Argument. Die anderen empfehlen die alten „Haudegen“ wie Dual, Thorens oder die Technics  ähnlichen Direct Drives a la SL 1200. Ihre Argumente sind „Damals wurde noch Qualität gebaut, weil nicht am Material gespart wurde“, „Sie sind superrobust und laufen nach 40 Jahren noch“, „Damals hatte man noch Ahnung von Plattenspielern“ und so weiter.

Aber wenn ich völlig ohne Vorwissen und Vorurteilen nun dieser eigentlich fragende, Interessierte bin, komme ich mit solchen Argumenten leider nicht weiter. Ich weiß nun immer noch nicht, was wirklich besser ist, und bin genauso schlau wie vorher. Deshalb habe ich mir gedacht, ich vergleiche einfach mal zwei Plattenspieler aus den verschiedenen Epochen.  Ich lasse sie gegeneinander antreten.

Bei diesem Plattenspielervergleich möchte ich aber den wissenschaftlichen Aspekt außen vor lassen, und nur auf den Höreindruck eingehen. Ich versetze mich in einen potentiellen Käufer, der in einem Hifi Laden Plattenspieler vergleicht, um sich am Ende einen zu kaufen. Wenn ich richtig informiert bin, bietet Phonophono in Berlin so etwas an. Sie haben ältere Thorens und Technics und lassen sie gegen neue Regas duellieren.

Die Bedingungen des Plattenspielervergleichs

Aber wie kann ich das Duell so gestalten, dass gleiche Bedingungen  für beide Spieler herrschen?

Zunächst müssen Sie natürlich die selbe Soundquelle, also Schallplatte abspielen. Genauer den selben Testsong, den ich auf der jeweiligen Testplatten ausgesucht habe.

Natürlich muss auch der Rest der Hifi Kette, also Vorverstärker, Verstärker und Boxen bei beiden Plattenspielern die selbe sein. Und zu guter letzt ist auch noch der Tonabnehmer der gleiche. Hier schreibe ich bewusst „gleiche“ und nicht „selbe“, weil ich den Testtonabnehmer, den Audio Technica AT 71 E, doppelt in meinem Repertoire habe, und ihn nicht ständig von dem einen an den andere Spieler baue. Die Nadel, eine elliptische Nachbaunadel von EVG aus Japan, werde ich jedoch schon von einem AT 71 zum anderen wechseln.

Zu dieser Kombination AT 71 und EVG Nadel lässt sich klanglich sagen: Es ist vielleicht eines der unterschätztesten Systeme überhaupt. Als Vorgänger des AT 95 und des AT 91 war es „der“ Standardtonabnehmer der ausgehenden 70er Jahre, der oft im Bundle an den japanischen Direct Drives der damaligen Zeit verbaut wurde. Für mich ist es die größte Positivüberraschung der letzten Zeit unter meinen Tonabnehmern (und ich habe einige).

Denn er verbindet nach meinen Erfahrungen mit ihm die positiven Eigenschaften seiner Nachkommen, nämlich den geradlinigen angenehmen Frequenzgang des AT95 und den Charme und die „sweeten“ Höhen des AT 91. Die Fehler der beiden wie z.B. die harschen, oft zischelnden Höhen des AT 95 und den Mangel an Auflösung des AT 91 hat er nicht zu verbuchen. Der AT 71 ist einfach gut. Gerade mit der elliptischen EVG. Und er kann sogar 3 D, d.h. eine Tiefenstaffelung des sounds schaffen. Das würde man einem solchen budget Tonabnehmer nicht zutrauen.

Ich denke, meine Testbedingungen schaffen eine gewisse Vergleichbarkeit.

Meine sonstige Hifikette besteht hinter dem Plattenspieler aus dem Phonopre Graham Slee Communicator 2, einem Dual „Audiophile Concept“ Verstärker, der von Rotel in den 80ern gebaut wurde,  und Yamaha NS G 40 Boxen.

Nun zu den verschiedenen Test-Schallplatten:

Wie schon bei meinen Reviews über Tonabnehmer, z.B. dem AT 91 mit Black Diamond Nadel, möchte ich auf vier verschiedene Testplatten zugreifen, die auch gleichzeitig verschiedene Testszenarien bilden.

Die erste Testplatte ist Carole Kings berühmtes „Tapestry“ Album und daraus gleich der erste Song „Feel The earth Move“. Ich habe bei den Nadeltests diese Platte und dieses Lied gewählt, weil Kings Stimme eine Herausforderung für jede Nadel darstellt, und schlecht abtastende Nadel schon mal zum Kratzen animiert hat.

Hier möchte ich sie einsetzen, da die Aufnahme einen ganz speziellen Klangcharakter hat. Der mittige Teil des Frequenzbandes wird hervorgehoben, die oberen Höhen rollen stark ab. Hier ist interessant, wie die Plattenspieler mit der Aufnahme umgehen und ihren „Senf“ dazugeben.

Dann folgen zwei Platten, die man gut und gerne in einem High-End Hifi Laden als Vorführscheiben gebrauchen könnte. Die eine ist „JTB“ von der Jukka Tolonen Band, eine fantastische Fusion Jazz Aufnahme aus dem Ende der 70er Jahre. Daraus das Stück „Space Cookie“.

Und das andere ist Gregory Porters „Liquid Spirit“ Album, das 2019 endlich in wunderbarer Qualität auf Vinyl erschien.

Und zu guter letzt kommt noch der obligatorische Klassik Test. Hier dient eine Decca Aufnahme vom Mitte der 60er, nämlich das „Cello Konzert in C-Dur“ von Haydn, gespielt vom Londoner Kammer-Orchester, dazu, um festzustellen, wie die beiden Kontrahenten mit den Anforderungen der Klassik zurecht kommen.

Der Plattenspielervergleich in action

Test 1: Carole King „I Can Feel The Earth Move“:

Wir starten mit meinem guten alten Toshiba:

Direkt merke ich, was ich an diesem Audio Technica System auch so mag. Es ist fähig, diese sehr mittenlastige Aufnahme in einer sehr angenehmen Weise darzubieten. Man spürt als Zuhörer eine gute Dynamik. Die sehr starken Mitten werden etwas abgefedert.  Die Bässe gehen tief, sind etwas undefiniert. Das kann sowohl am budget System, als auch an der Aufnahme liegen. Toll ist, wie sich das Klavier zur Mitte des Songs von den Boxen absetzt und im Raum steht. Die räumliche Abbildung des AT 71 ist hier wieder erstaunlich.

Doch wie schlägt sich der Plattenspieler? Das Carole King Stück hört sich mit der Kombination gut an. Man hat vielleicht ganz leicht das Gefühl, die Energie der Musik wird etwas gebremst.

Ich bin gespannt auf den Vergleich mit dem Pro-Ject mit gleicher Nadel.

„Feel The Earth Move“ ist der erste Song der Platte. In der Einlaufrille fällt mir beim Pro-Ject als erstes auf, dass die Stille bis zum Song nicht schwarz ist. Ich kann ein sehr tiefes Brummen hören, leise zwar, aber vorhanden. Dies setzte erst beim Aufsetzen der Nadel ein. Ein kleiner Minuspunkt zu Beginn.

Aber was man dann zu hören bekommt, ist wirklich toll. Man kann es vielleicht so sagen: Es ist von allem ein bißchen mehr, als mit dem Toshiba. Dieses leicht gebremste, positiv ausgedrückt zurückhaltende, ist mit dem Pro-Ject verschwunden.

Es hört sich mit dem gleichen System und derselben Nadel direkt dynamischer an. Der Bassbereich ist präsenter, wobei auch nicht definierter, aber er wummert fröhlich vor sich hin. Die Mitten kommen wuchtig und leidenschaftlich, bei dieser mittenlastigen Nummer mit dieser Stimme kein Wunder, aber doch so, wie ich es diesem AT 71 es nicht zugetraut hätte. Dieser war für mich sonst eher zurückhaltend. Die Höhen kommen sauber, aber sind bei diesem Song schwer zu beurteilen, da sie recht früh abrollen.

Die Tiefenstaffelung und Bühne ist auf gleichem Niveau wie mit dem Toshiba.

Insgesamt scheint der Pro-Ject und der AT 71 ein tolles Team zu sein, wenn da dieses (Motor-) Brummen nicht wäre. Das schmälert die Begeisterung. Aber evtl lässt sich das durch Überprüfung der Gummi Aufhängung des Motors beheben. Es ist eigentlich schon ein resonanzarmer Acrylteller verbaut.

Vom Klang der Musik her geht der Pro-Ject mit 1:0 in Führung. Beide machen ihre Sache gut, der Toshiba wirkt eine Spur zurückhaltender und bremst damit leicht die Dynamik und Energie der Musik aus. Der Pro-Ject lässt die Energie raus und haut einem die Power von Kings Stimme um die Ohren, ohne, und das ist die Kunst, nur anstrengend die Mitten „quäken“ zu lassen.

 

Test 2: JTB mit „Space Cookie“:

Nun widmen wir uns der High End Aufnahme von JTB.. Sie stammt aus der Hoch-Zeit der analogen Tonaufnahme, Ende der 70er Jahre, kurz bevor die digitale Aufnahme übernahm und erstmal für Jahrzehnte einen Rückschritt bedeutete. Der Fusion Jazz, den die Jukka Tolonen Band spielen, hat sehr komplizierte Abschnitte, und stellt an das System und die Nadel hohe Ansprüche, dieses Soundgeflecht zu entschlüsseln. Auch wird hier hoffentlich deutlich, in wie weit der Plattenspieler selbst teil nimmt an der Bildung des Klanges.

Dieses Mal starten wir im Plattenspielervergleich mit dem moderneren Pro-Ject. Wieder hört man entfernt das Brummen bei Auflegen der Nadel. Musik geht los und mir entfährt ein kurzes „wow“..

Er startet dynamisch. Diese Aufnahme, die so wahnsinnig gut ist, gibt den Playern die Chance zu zeigen, was sie können. Und bringt das AT 71 mit der elliptischen Nachbaunadel an seine Grenzen. Der Pro-Ject macht das sehr gut. Der Bass kommt von ganz tief und hat Kontur, die Mitten sind wunderbar ausgearbeitet, die Akkustikgitarre zu Beginn des Stückes steht wunderbar im Raum und man kann die Saiten und das Holz vibrieren hören. Die Trennung der Instrumente funktioniert gut. Wieder erstaunlich für diesen günstigen AT. Die Höhen, z.B. an den high heads zu hören, sind weder zu schrill noch zu abgerollt. Sie zeigen eine sehr naturale Darstellung. Auch hier erstaunt der AT oder besser die EVG Nadel mit gut aufgelösten Becken Tönen.

Die ganze Performance des Pro-Ject zeigt dynamischen Charakter, aber auch eine beeindruckende Kontrolle des Sounds. Die Frequenzbereiche gehen wunderbar ineinander über. Alles wirkt stimmig und sehr realistisch. Auch die räumliche Darstellung überzeugt. Besonders auffallend ist die Genauigkeit, mit der der Carbon Arm des Pro-Ject die Nachbaunadel durch die Rille führt. Das gute Tracking dankt der sound dann mit supergenauer Höhendarstellung, die schon teurere Schliffe an der Nadel vermuten ließe. Wenn man es nicht besser wüsste.

Und was macht der Toshiba in diesem Plattenspielervergleich?

Er überrascht mich komplett! Wo er doch bei Carole King zurückhaltend und gebremst klang, lässt er den „Space Cookie“ echt zu einem werden und haut mich fast „aus den Latschen“..

Ich bin stolz auf meinen alten Haudegen. Er lässt die Jazznummer richtig lebendig werden. Diese Dynamik macht Spaß. Auch hier kommt der Bass von ganz unten, hat schön Kontur und geht wundervoll in den Mittenbereich über. Die Akkustikgitarre, die auch wie bei Pro-Ject toll im Raum steht, lässt mir Gänsehaut am Rücken entstehen. Sie hat so viel Körper und Leidenschaft. Die Bassgitarre im letzten Drittel des Stückes hebt sich deutlich von den Boxen ab und füllt den Raum mit einer Präsenz, die ich an dieser Stelle mit diesem Instrument noch nie gehört habe.

Die Höhen werden in genau der richtigen Intensität dargestellt, wie beim Pro-Ject. Nur: Und hier hat bei aller Leidenschaft und vielleicht wegen dieser und der daraus etwas verloren gegangenen Kontrolle, der Pro-Ject die Nase vorne. Die High Heads klingen am Toshiba minimal, wirklich nur einen Hauch, ungenauer. Sie sind immer noch sehr gut dargestellt, und hätte man nicht den direkten Vergleich, würde man es nicht merken. Aber der Pro-Ject oder besser dessen Tonarm tastet die Höhen kontrollierter und genauer ab.

Natürlich ist hier viel Geschmackssache, aber ich würde hier den Punkt dem Toshiba geben, der mich mit seiner Leidenschaft mitgerissen hat, auch, wenn er in den Höhendarstellung minimal ungenauer war. Beide waren wieder toll, und sind nach den ersten beiden Tests als super empfehlenswert einzustufen.

Es steht nun 1:1 und wird sind gespannt auf Gregory Porters „Musical Genocide“

 

Test 3:  Gregory Porter mit „Musical Genocide“:

Das tolle Album „Liquid Spirit“ von Gregory Porter erschien 2013 in digitaler Form, 2019 aber  erst auf Vinyl. Es ist für mich ein typisches Beispiel für eine hochwertige moderne, wahrscheinlich digitale Aufnahme, die durch das Blue Note Label  in hoher Pressqualität vertrieben wird.

Aus diesem Album wähle ich das Midtempo Stück „Musical Genocide“, das ich auch schon für meine bisherigen Nadel Reviews auswählte und von dem ich mittlerweile jeden Ton kenne.

Hier darf mein geliebter Direct Drive Toshiba SR-255 starten.

Ein starker Auftritt der Kombination aus Laufwerk und System. Schon bei den ersten Takten wird deutlich, dass die beiden es dynamisch mögen. Der Basslauf des Kontrabasses gibt den Takt vor. Er wird so realistisch wiedergegeben, dass man ihn hier im Wohnzimmer wähnt. Drums, Klavier, High Heads und die Stimme setzen nacheinander ein. Das Zuhören macht viel Freude, weil trotz des ausgewogenen Charakters dieses Tonabnehmers, der keinen Frequenzbereich überbetont, ist Dynamik und Leidenschaft zu spüren.

Trotzdem wirkt der Auftritt heimelig, man möchte der nächsten Nummer lauschen, weil es so schön war.

Was ich bei meinen Nadel reviews in diesem Songbeispiel oft vermisst habe, war eine gewisse räumliche Tiefe und Trennung der Instrumente in Ebenen. Mit dem AT 71 und dem Toshiba ist diese Trennung spürbar. Das Klavier spielt klar hinter dem Saxophon und Porter steht vor dem ganzen Geschehen in der Mitte der Bühne.

Wenn es minimale Kritik geben könnte, dann war es, als hörte ich eine ganz leichte Unsauberkeit in Porters Stimme an manchen Stellen. So als ob sie rauher als in Realität dargestellt wird, wie ein minimales Kratzen. Dies war an ein bis zwei Stellen des Songs hörbar. Es war so leicht, dass es auch täuschender Eindruck gewesen kann.

Ich bin gespannt auf den Vergleich. Nun ist der Pro-Ject an der Reihe:

Ok, puh.. Das wird schwer! Im Plattenspielervergleich sind sich beide so ähnlich bei diesem Songbeispiel. Auch hier werden die Instrumente und Porters Stimme in ausgewogener aber trotzdem dynamischer Weise dargeboten, dass es ein Genuss ist zuzuhören. Kein Frequenzbereich wird überbetont und Bässe, Mitten und Höhen gehen wundervoll ineinander über.

Bei dieser digitalen Aufnahme hatte ich immer das Gefühl, die Höhen, hier bestehend aus den High Heads und Becken,  sind ganz leicht abgerollt, um das Ohr des Hörers nicht anzustrengen und diese heimelige Atmosphäre zu erzeugen. Das wird von Tonabnehmer und beiden (!) Plattenspielern sehr gut übertragen. Die Becken und High Heads klingen mit der EVG elliptischen Nadel sauber aufgelöst. Sicher, da geht mit einem schärferen Schliff noch mehr, aber man müsste schon der direkten Vergleich haben, um das herauszuhören.

Wenn es hörbare Unterschiede zwischen dem Toshiba und dem Pro-Ject gibt, dann sind sie im kaum spürbaren Bereich. Es ist nur so ein Gefühl, aber der Toshiba war minimal leidenschaftlicher und lebendiger, der  Pro-Ject  unangestrengter, kontrollierter. Das leichte Kratzen in Porters Stimme war übrigens auch mit dem Pro-Ject zu hören. Also entweder ist die Rille durch das häufige Hören schon ausgekratzt, oder Porters Stimme ging hier absichtlich in Richtung Joe Cocker. Ist mir bis jetzt nie aufgefallen.

Es ist hier ein Remis, es gibt keinen Sieger in dieser Runde. Somit steht es 2:2, da beide einen Punkt erhalten.

Somit könnte die letzte Runde, in der es um Klassik geht spannend und entscheidend werden.

 

Test 4: Rostropowitsch und das Londoner Kammerorchester spielen Haydns Cellokonzert in C-Dur

Decca ist  bekannt dafür, in den 60er und 70er Jahren, als die Tontechnik qualitativ Riesensprünge machte, besonders gute und transparente Klassikaufnahmen gemacht zu haben. Auch dieses Beispiel aus dem Jahre 1965 gehört dazu. Von der tollen Arbeit der damaligen Toningenieure, die solch wundervoll klingende Aufnahmen schufen, können sich heute arbeitende eine Scheibe abschneiden.

Diese Platte herauszuholen und aufzulegen, bereitet mir jedes Mal die größte Freude. So auch jetzt. Der Pro-Ject mit dem AT 71 klingt so wunderbar luftig und transparent und macht gleich klar: Ich kann Klassik! Zu den Attributen, die wichtig sind, zählen für mich Raumabbildung, Transparenz, Auflösung und Luftigkeit, d.h. Gefühl für die Größe des Raumes geben.

Und diese Attribute sind mit dem Pro-Ject voll gegeben. Man hat das Gefühl, alles klingt so, wie sich die Ingenieure das gedacht haben.  Die Streicher, so wohl die begleitenden Geigen, als auch der Hauptakteur, das Cello, klingen so real mit dieser Holznote, die diese Instrumente ausmacht.

Wieder wird kein Frequenzbereich sehr verstärkt, alles ist mit dem AT ausgewogen und doch in einer Art stimmig griffig und leidenschaftlich. Ich bin sehr ergriffen und hab fast Tränen in den Augen. Wenn man als Zuhörer die Augen schließt, sitzt man in diesem Saal und fühlt, wo die Instrumente sind, Man fühlt die Größe des Raums. Einfach toll!

Wenn es eine Minikritik gibt, oder wenn es etwas gibt, das andere Tonabnehmer besser können, dann vielleicht, eine etwas breitere Bühne zu erzeugen. Da kommt der AT als Budget Cartridge an seine Grenzen. Auch der absolute Tiefbass, der hier nicht vorhanden ist, zählt nicht zu seinen Stärken. Aber die Luftigkeit und Stimmigkeit des ganzen ist sehr beeindruckend!

Und wie schlägt sich mein alter Gefährte, der Toshiba?

Ich habe Gänsehaut! Das ist so spannend.. Mit gleichem System, derselben Nadel, den selben Kabeln, Vorverstärker, Verstärker, Boxen klingt es anders. Nur der Weg zwischen Ausgang der Tonabnehmers und Ausgang des Plattenspielers ist ein anderer, und es klingt anders. Aber wie? Schlechter? Besser?

Nein, nichts von dem, einfach anders. Der Klang des Toshiba ist in diesem Beispiel kräftiger, die Kontraste zwischen den lauten und leisen Passagen sind größer.

Was mich am meisten beeindruckt ist der Klang des Cellos. Es klingt so schön bauchig hölzern, wie es in Natur einfach klingt. Es ist, als stünde es mit seinem Spieler hier im Wohnzimmer. Diese etwas weniger Zurückhaltung als vom Pro-Ject tut dem Solo-Instrument hier gut. Es zeigt sich mehr im Vordergrund.

Die Frequenzbereiche sind auch hier wunderbar harmonisch ineinander übergehend. Nur hat man das Gefühl näher am Geschehen zu sein. Man sitzt ein paar Reihen weiter vorne. Das hat den Vorteil, mehr von der Leidenschaft des Spiels zu spüren. Andererseits verliert man etwas das Gefühl für die Größe des Raumes.

Das ganze klingt weniger luftig als mit dem Pro-Ject, der mit seiner Unangestrengtheit und der leichten Zurückhaltung auch zu überzeugen weiß.

An wen geht nun der Punkt? Das ist hier eindeutig eine Sache des Geschmacks.. Diese unbändige Leidenschaft und Kraft des revidierten Direct Drive gegen die super Kontrolle und zurückhaltendere Luftigkeit des Pro-Ject. Beide haben sie wieder einen Punkt verdient.

Somit steht es am Ende 3:3.

 

Resumee

Doch was sagt uns das ganze nun?

Das „Battle“ war hier in Teil 1 meiner Plattenspielervergleiche: Ein alter 70er Jahre Direct Drive gegen einen modernen Brettspieler.

Der Brettspieler Pro-Ject kostet aktuell ca. 600 Euro, der Toshiba SR-255 bei Markteinführung 1977 ca. 650 DM. Der letztere würde bei dieser Wertigkeit und den verwendeten Materialien heute ca. 1000 Euro kosten (vergl. Technics 1200 MK7 (Amazon: https://amzn.to/3v82qAp)).  Er wurde durch seinen Vorbesitzer neu verkabelt und hat eine Revision hinter sich.

Spannend war für mich: Ist in diesen 44 Jahren die Entwicklung im Plattenspielerbereich so weit nach vorne gegangen, dass man klanglich bei einem 600 Euro Plattenspieler a la Project eine starke Verbesserung gegenüber einem alten Direct Drive spürt.

Dazu muss man wohl erst einmal definieren, was gut oder schlecht an Klang ist. Es gibt verschiedene Attribute im Klang, die als angenehm oder unangenehm empfunden werden. Transparenz, Genauigkeit, Ausgewogenheit sind für die Allgemeinheit z.B. positive Klangattribute.  Trotzdem bleibt noch viel Raum für Geschmack. Und das ist auch gut so. Geschmäcker sind verschieden, und so kann sich jeder sein System nach eigenem Klanggeschmack zusammenstellen. Wir kennen es von den Tonabnehmern. Die einen neigen zu hellerem Klang, die anderen zur Basslastigkeit. Und wir suchen uns das nach Geschmack aus.

Und unsere Kontrahenten sind beide nach objektiven Klang-Gesichtspunkten sehr gut. Hier entscheidet der Geschmack!

Natürlich gibt es viel bessere Plattenspieler. Diese beiden bewegen sich im unteren Mittelklassebereich. Aber sie machen Spaß! Jeder auf seine Weise.

Natürlich habe ich mir den Spaß gemacht, bei diesem Plattenspielervergleich Punkte zu verteilen. Und es war in diesem Rennen sehr spannend und knapp, am Ende ein gerechtes Remis.

Sehr überrascht hat mich die Kehrtwende in Sachen Dynamik. Bei Carole King gab sich der Pro-Ject von seiner präsenten und leidenschaftlichen Seite. Dies änderte sich dann in den folgenden Tests, in denen der „neue“ eher der kontrollierte unaufgeregte, aber auch unangestrengte war, und der alte Toshiba der leidenschaftliche, punchige.

Den kleinsten Unterschied hörte man bei der neuen digitalen High End Aufnahme von Gregory Porter. Hier hätte man auch mit verbundenen Augen Schwierigkeiten gehabt, die Plattenspieler zuzuordnen.

Ich hoffe, ich konnte nun den in Facebook Gruppen und Foren aufkommenden leidenschaftlichen Diskussionen, ob nun ein neuer oder alter Plattenspieler besser sei, neues Feuer geben oder sie etwas beruhigen und es auf den Geschmack schieben.

2 Kommentare

  1. König Hans Ludwig

    Danke für diesen tollen Test.

    Das gleiche habe ich mal vor Jahren gemacht mit einem Rega RP6 und einem Technics 1710MK2. Der Technics ist neu verkabelt worden, auch die Tonarmverkabelung und hat eine Elko Kur bekommen und ist neu abgeglichen worden. Als Phonopre kam ein Project Tubebox S2 zum Einsatz. Tonabnehmer war ein AT150 MLX. Ich habe damals die Tracks digitalisiert mit einem sehr hochwertigen AD Wandler und habe hinterher vergleich gehört. Der Technics lief nach seiner Revision so wie er war perfekt. Der Rega hingegen brummte, erst das Erden der TTPSU brachte ruhe. (Tipp kam von TAD, wäre wohl in diversen Konstellationen bekannt) Das war mein erster Minus Punkt für solch ein Brett was nicht gerade billig war. Dann musste ich für andere Tonabnehmer extra Unterlegscheiben kaufen und diese unter den Tonarm packen. Dann ging die Haube nicht mehr zu, da die Haube auf das Gegengewicht drückte. Also konnte ich mir noch erst mal noch ein anderes Tonarm Gewicht besorgen. Da fragte ich mich schon, haben die ne Macke? Denken die nur von Morgen bis Mittag? Bei fast jeden Project kann ich binnen Sekunden die Tonarmhöhe verstellen und auch der Technics von 1978 kann das in wenigen Sekunden. So jetzt zur Musik. Nachdem ich Oskar Peterson, Michael Jackson, Metallica, Phil Collins, Queen, Nightwish und Vivaldi 4 Jahreszeiten (Karajan/Mutter) gehört und verglichen hatte stand fest, der Rega geht wieder. Ich glaube bei ca. 10 Tracks hat 9-mal der Technics die Nase vorne gehabt. Rumpeln, Gleichlauf, Geschwindigkeit Genauigkeit, in wirklich allen Sachen war der Technics Made in Japan 1978 besser. Jahre Später habe ich dies nochmals mit einem Rega Planar 8 mir RB880 wiederholt. Da muss ich sagen, ist der Tonarm doch noch nen Tick besser und zieht mit dem Technics gleich. Der größte Flaschenhals ist bei den alten Technics die alte steife Innenverkabelung und das alte Phonokabel. Wenn man dies sofort gegen hochwertiges tauscht hat man mit den Playern richtig Grundsolide Geräte. Nichts gegen die Tonarme von Rega. Diese sind super. Aber die Bretter können sie behalten.

    • Onlyadmin

      Hallo Hans! Die Wochen vergehen so schnell.. Sorry, dass ich jetzt erst antworte! Vielen Dank für dein ausführliches und toll geschreiebenes Feedback! Ja, durch die Neuverkabelung des Toshiba/Aurex, der ja in den 70ern schon obere Mittelklasse mit 680 Mark Kaufpreis war, habe ich glaub ich einen echt ochwertigen mit deinem Technics vergleichbaren Spieler. Ich stehe auch total auf die Technics und irgendwann werde ich mir solch einen auch mal leisten. Leider gehen die Gebrauchtpreise gerade stark nach oben. Auf die Brettspieler bin ich gar nicht mehr so scharf. Obwohl der Project aus dem Bericht wirklich gut klingt (abgesehen vom Brummen). Aber sie wirken einfach empfindlicher, weniger robust, das System lässt sich nur schwierig wechseln,und für ne 45er musste du bei den meisten Brettspielern den Teller anheben, um das Gummi umzusetzen.. Wie aufwendig.. Hat auf jeden Fall Spaß gemacht, den Test zu machen. Vielleicht wiederhole ich solch ein Test mal mit GEMAA freien Tracks und veröffentliche dann digitalisierte Teststreams.. Mal sehen! Cheers!

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