Schweren Herzens habe ich mich entschlossen, mich von diesem tollen System zu trennen und es bei ebay zu verkaufen. Aber warum? Wie und was ist das Audio Technica AT3200 XE II überhaupt?

Also erstmal zur Besonderheit dieses Systems: Es ist ein MC System mit einer Möglichkeit die Nadeln zu wechseln. Das gibt es nicht sehr oft. Denn meistens ist es den MM Systemen vorbehalten, Nadeln austauschen zu können. Die MC Systeme muss man nach Verbrauch der Nadeln neu kaufen oder sie aufwendig „retippen“ lassen. Nicht so bei diesem.  Audio Technica bietet oder besser bot, wenn auch nicht ganz kostengünstig, Wechselnadeln an, so dass man ohne schlechtes Gewissen stundenlang am Stück Musik genießen kann, ohne das Gefühl zu haben, das teure MC System zu verschleißen.

Die zweite Besonderheit an diesem System ist, das es ein recht lautes also ein high output MC ist. Man kann es an einem MM Vorverstärker betreiben.

Eigentlich sollte es dadurch eine eierlegende Wollmilchsau sein. Denn man kann die Vorzüge aus beiden Tonabnehmerwelten genießen: Die verbesserte Soundqualität durch MC (Moving Coil) und die Effizienz und Flexibilität der MM (Moving Magnet) Welt. Aber da liegt auch gleichzeitig die Crux. Das möchte ich hier erläutern. Vorweg nur: Es ist ein tolles System, wenn man die richtige Ausstattung drumherum hat.

Mit dem Wissen über die Vorteile und Besonderheiten erstand ich vor einiger Zeit recht günstig diesen Tonabnehmer. Nun möchte ich ihn testen:

Testvoraussetzungen für den Audio Technica AT3200

An meinem Wohnzimmersytem habe ich den sehr guten Graham Slee Communicator MM Vorverstärker in der Kette hinter dem Toshiba SR-255 mit mittelschwerem Tonarm.

Zum Test nahm ich, ähnlich wie beim Review zum AT3651 zwei audiophile Meisterwerke aus Zeiten der analogen Tonaufnahme und eine „moderne“ audiophile Pressung:

„JTB“ (Jukka Tolonen Band), eine Fusion Jazz Formation, die DECCA Aufnahme des Englischen Kammerorchesters mit Rostropowitsch am Cello „Haydns Konzert für Violoncello und Orchester C-Dur“ (1965), und die zurecht hochgelobte Blue Note Pressung von Gregory Porters „Liquid Spirit“ von 2019

Was mir direkt auffiel, war das sehr gute Tracking und die Genauigkeit in den Höhen. Das Sytem klingt überhaupt nicht spitz und harsch. Es hat eher weiche runde Höhen, aber ohne diese vermissen zu lassen. High Heads werden sehr natürlich und realitätsnah wiedergegeben. Der Charakter des Sounds kann sich allerdings durch Änderung der Impedanz verändern.

Bei diesen festen Gegebenheiten meines Phono Stage fiel mir ebenso auf, dass der Sound trotz high output MC leise aus den Boxen kam. Ich musste also den „Volume“ Regler meines Verstärkers fast auf die Hälfte aufdrehen, um eine ordentliche Laustärke zu erreichen. Leider wirkt so ein leiser Output trotz Aufdrehens dünner als der von lauten Tonabnehmern. So auch hier. Der Sound wirkt seltsam entrückt. Also denke ich, ist der Graham Slee eventuell nicht der richtige Phono Stage für den Test. Hier verdeutlicht sich schon die Crux, die ich oben erwähnte. Der At 3200 ist meines Erachtens zu leise für MM Vorverstärker.

Zwischenlösung:

Zum Glück habe ich an meiner Schlafzimmerstereoanlage am alten, aber tollen Harma Kardon Verstärker einen ordentlichen MC Eingang. Also bastelte ich den AT gleich an den Plattenspieler im Schlafzimmer und stöpselte ihn an den MC Eingang:

Der Sound kam nun kräftig und scheinbar toll daher, aber leider nur kurze Zeit. Bei der sehr dynamischen Aufnahme von Porter kam es zu Verzerrungen. Das System war zu laut für diesen (auch nicht einstellbaren) MC Eingang. Dann doch lieber leiser und ohne Verzerrungen testen! Also wieder zurück ins Wohnzimmer an den Graham Slee und den sound weiter getestet:

Nur zwischendurch: Das Problem scheint hier durch den High Output eindeutig: Der Audio Technica AT3200 XE II ist zu leise für MM und zu laut für einfache nicht einstellbare MC Eingänge. Er braucht, um perfekt zu klingen, eine einstellbare Impedanz des MC Phono Stage.

Der Test

Auch wenn die folgenden Tests nun unter nicht perfekten Umständen gemacht wurden, möchte ich sie trotzdem hier veröffentlichen. Denn es gibt einige Stärken dieses Systems, die ich gerne loswerden möchte:

Test 1: JTB mit „Space Cookie“

Wie oben schon erwähnt erfreut sich der Sound natürlicher und weicher Höhen, die auf der Jazz Platte JTB auch aufs genaueste abgefragt werden. Mit Bravur schafft der AT feinste Nuancen der High Heads darzustellen. Er ist mit seinem nacktem elliptischen Stein (3200 XE II) extrem abtastsicher bis in die innersten Rillen. Es gibt keine wahrnehmbaren Verzerrungen auf den Innenrillen (IGD). Auch der Bass auf JTB puncht ordentlich trocken und deep daher. Das macht Freude. Nur die Mitten sind durch die fehlende Lautstärke zurückhaltend. Wie im Schlafzimmer gesehen, könnten sie auch anders.

Ein weiterer Punkt, der auf JTB auffällt, ist die Breite und Tiefe der Bühne: Die Musik fächert sich im Raum auf und man kann die Instrumente orten. Ich denke, das geht mit high end Systemen noch besser, aber man bekommt hier doch einen Eindruck, was MC Systeme können und für Vorteile haben. Die Breite der Bühne ist nicht übermäßig, aber doch gefühlt gut bis einen Meter links und rechts von den Boxen.

Noch beeindruckender ist die Tiefe und damit die Dreidimensionalität. Auf der JTB lässt sich eine klare Tiefenstaffelung erkennen. Es ist, wenn man die Augen schließt, als hätte man die Bühne vor Augen und könnte sagen, wo jedes Instrument steht.

Diese gute Räumlichkeit ist für mich die auffallenste gute Eigenschaft dieses Tonabnehmer, der damit und mit seiner Souveränität in der Abtastung nahezu aller Informationen der Platte schon als guter Einstieg in die high class Systeme zu bezeichnen ist, vorausgesetzt man besitzt ein einstellbares MC Phono Stage.

Auf den weiteren beiden Testplatten bestätigt sich das oben beschriebene Bild:

Test 2: Haydns „Celloconcert in C-Dur“

Die Klassik Decca Aufnahmen von den frühen 60ern bis Ende 70er sind legendär und große Tonmeisterkunst. So auch hier. Die Aufnahme von Haydns Cellokonzert hat eine tolle Dynamik und Breite. Sieht man von den oben beschriebenen Handicap ab, dass ich die Tests mit einem für diesen Tonabnehmer nicht perfekten Vorverstärker machte, lassen sich trotzdem die schon bei „JTB“ erkennbaren Eigenschaften auch hier erkennen. Besonders auffallend war hier wieder die Räumlichkeit. Sehr schön zu hören, wie sich die Bläser von den Streichern und das Cello von den übrigen Instrumenten absetzen und sich orten lassen.

Mit dem richtigen Phono Stage hat man hier richtig Freude. Souverän tastet er auch hier bis in die innersten Rillen mit seinem nackten elliptischen Diamanten.

Test 3: Gregory Porter mit „Musical Genocide“

Gregory Porters „“Musical Genocide“ startet direkt mit einer tollen Plastizität, die der Audio Technica AT3200 aus dem Klavier, dem Bass und Porters erzeugt, die einen wieder daran erinnern lässt, dass dies ein MC System ist. Überhaupt holt das System hier aus Porters Aufnahmen eine Tiefe heraus, die ich in dieser Aufnahme nicht vermutet hätte. Wo andere von mir getestete Systeme auch bei JTB eine recht tiefe Bühne erzeugen konnten, wurde Porter zwar sehr dynamisch aber eher flach dargestellt. Nicht so hier mit dem Audio Technica. Er schafft es auch nicht bei jedem Song so gut wie bei „Musical Genocide“. Hier auch wieder schade, dass mir der geeignete Phono Stage fehlt. Ich hätte Porter mit diesem System gerne mit perfekter Impedanz gehört.

Wie war er nun, der Audio Technica AT3200?

Dieser Tonabnehmer ist ein sehr interessanter und potenter Zeitgenosse.

Eine eierlegende Wollmilchsau ist er nicht: Dafür sind die Wechselnadeln zu teuer und die Lautstärke des Systems zu wenig abgestimmt auf die gängigen festen MM und MC Impedanzen der Phono Stages.

Aber: Was ich mit meinem für dieses System unperfekten MM Vorverstärker schon an Tiefe, 3 Dimensionalität und ausgewogenen Sound gehört habe, lässt darauf schließen, dass dieses System mit der perfekt eingestellten MC Impedanz zu Hochtouren aufläuft und ein guter Einstand in die MC Welt bedeutet.